Juli Zeh

Juli Zeh, 1974 in Bonn geboren, Jurastudium in Passau und Leipzig, Studium des Europa- und Völkerrechts, Promotion. Längere Aufenthalte in New York und Krakau.

Schon ihr Debütroman „Adler und Engel” (2001) wurde zu einem Welterfolg, inzwischen sind ihre Romane in 35 Sprachen übersetzt.

Juli Zeh wurde für ihr Werk vielfach ausgezeichnet, u. a. mit dem Rauriser Literaturpreis (2002), dem Hölderlin-Förderpreis (2003), dem Ernst-Toller-Preis (2003), dem Carl-Amery-Literaturpreis (2009), dem Thomas-Mann-Preis (2013) und dem Hildegard-von-Bingen-Preis (2015).

Juli Zeh Im Interview

Über ihren neuen Roman „Unterleuten”

Was ist Unterleuten für Sie?

UNTERLEUTEN ist der Ort, an dem ich in meiner Phantasie fast zehn Jahre lang gelebt habe. Ich kenne dort jeden Stein, jede Hausecke, alle Menschen, die dort leben. Es konnte vorkommen, dass ich meinen Mann gefragt habe: „Sag mal, wie geht es eigentlich Linda, ich habe schon so lange nichts mehr von ihr gehört?“ – Und dann wurde mir erst klar, dass Linda eine Figur aus „Unterleuten“ ist und dass es sie gar nicht in Wirklichkeit gibt, nur in meinem Kopf.

Welche Machtgefüge und Konflikte durchziehen Dörfer wie Unterleuten?

In „Unterleuten“ geht es gewissermaßen auch um den „Kampf der Kulturen“, aber ein wenig anders gedacht. In den letzten Jahren hieß es immer: Die großen kulturellen Unterschiede, die bestehen zwischen Ost und West, zwischen Morgenland und Abendland, zwischen Islam und Christentum. In Wahrheit gilt aber auf der ganzen Welt: Die großen Unterschiede bestehen zwischen Stadt und Land. Ein Londoner und ein Tokyoter können sich heute besser verstehen, sie leben ähnlicher und sind ähnlicher sozialisiert, als ein Mensch, der in Berlin großgeworden ist, und ein Unterleutner. (Vor längerer Zeit hat mir einmal ein Krisenforscher erzählt: Alle Bürgerkriege auf der ganzen Welt sind immer Kriege zwischen Stadt und Land, zwischen der urbanen und der ruralen Bevölkerung. – Diesen Satz habe ich nie vergessen. Er ist eine der Keimzellen des Buchs.)

Was ist es, was Dörfer besonders macht?

Mich fasziniert das Funktionieren von Gerüchteküchen, von dem, was man „Dorffunk“ nennt. Alle reden ständig übereinander, und häufig reden sie überhaupt nicht miteinander. Jeder glaubt zu wissen, was passiert ist, wer was gemacht hat, wer was gesagt hat. In Wahrheit weiß niemand etwas. Es sind nur Überlagerungen von Geschichten, Netze aus Legenden, große Fiktionen, die das Zusammenleben der Menschen bestimmen. Daraus entstehen dann Entscheidungen und Handlungen, und oft entsteht daraus Gewalt. (An einer Stelle sagt eine Figur im Buch: Ich verstehe jetzt, warum es so viel Gewalt auf der Welt gibt. Weil Gewalt so verdammt einfach ist.)

Unterleuten ist also ein Gesellschaftsroman? Was bedeutet das Genre für Sie?

Mein Leben lang habe ich am liebsten Gesellschaftsromane gelesen. Dicke Bücher, die versuchen, eine ganze Epoche zu erzählen, ein Zeitalter, eine Kultur. Heutzutage kommen die Gesellschaftsromane häufig aus Amerika. Jonathan Franzen schreibt sie oder Philip Roth, Updike hat sie geschrieben und DeLillo. Große Erzählungen, die spannende Schicksale erzählen, die psychologisch sehr genau sind und doch immer auch etwas über die ganze Gesellschaft verraten. Das habe ich auch in „Unterleuten“ versucht: Alle Figuren sind ganz stark vom Zeitgeist beeinflusst, von der Epoche, in der wir leben. Ihre Welt ist geprägt vom Verlust echter Beziehungen. An einem Dorf kann man das sehr gut sehen: Es gibt in Wahrheit keine Gemeinschaft mehr, sondern nur noch eine Summe von Einzelwesen, die ihren Interessen nachgehen. Egal, ob sie sich mögen oder hassen – sie finden nicht mehr zueinander. Sie wissen nicht mehr, wie Loyalität funktioniert.

Was hat Sie zu dem Roman inspiriert? Warum hat es Sie gereizt, einen Gesellschaftsroman in einem Dorf anzusiedeln?

Ich habe Unterleuten geschrieben, weil mich die Frage interessiert, wie Verbrechen entstehen. Wir machen es uns oft leicht und denken: Es gibt gute Menschen und böse Menschen, oder es gibt normale und verrückte. Die bösen oder die verrückten, das sind dann die Verbrecher. In Wahrheit wollen aber die wenigsten Menschen etwas Böses, und trotzdem passieren ständig schreckliche Dinge auf der Welt. So ist es auch in Unterleuten: Niemand will etwas Böses und trotzdem geschieht es.


zum Roman „Unterleuten”

Auszeichnungen

  • 2015

    Hildegard-von-Bingen-Preis

  • 2014

    Hoffmann-von-Fallersleben-Preis für zeitkritische Literatur

  • 2013

    Thomas-Mann-Preis der Bayerischen Akademie der
    Schönen Künste und der Hansestadt Lübeck

  • 2009

    Carl-Amery-Literaturpreis

  • 2009

    Solothurner Literaturpreis

  • 2009

    Gerty-Spies-Literaturpreis

  • 2008

    Jürgen Bansemer & Ute Nyssen-Dramatikerpreis

  • 2008

    Prix Cévennes

  • 2005

    Per Olov Enquist-Preis

  • 2005

    Literaturpreis der Bonner LESE

  • 2004

    Preis als Inselschreiber auf Sylt

  • 2003

    Förderpreis zum Hölderlin-Preis

  • 2003

    Ernst-Toller-Preis

  • 2002

    Rauriser Literaturpreis

  • 2002

    Deutscher Bücherpreis, Kategorie »Erfolgreichstes Debüt«

  • 2001

    Bremer Literaturpreis

  • 2000

    Caroline Schlegel Preis für Essayistik

  • 1999

    Preis der Humboldt Universität im Beitragswettbewerb »Recht und Wandel«

Newsletter

Abonnieren Sie unseren Newsletter mit aktuellen Buchtipps, Leseproben und Gewinnspielen.

Jetzt Abonnieren